Hartmann / Philosophische Grundlagen 1.9.

    Zeichentheorie/Semiotik: Peirce


    Semiotik oder die "Wissenschaft von den Zeichen" trägt der Tatsache Rechnung, daß der Mensch nicht nur Sprache im Sinn des Verbalen hat, sondern ist insgesamt ein symbolisches Wesen ist. Neben der Verbalsprache beeinflussen Kultur, Rituale, Institutionen etc. unser Handeln.

    Im Sinne der Komplexitätsreduktion und zum Zweck des intersubjektiven Austausches kommunizieren wir strenggenommen nicht über Dinge, sondern über Bedeutungsmodelle. In der Alltagskommunikation funktioniert dies automatisch, da die Bezugnahme quasi reflexhaft erfolgt. Die Grundlage ist aber immer eine sprachlich, kulturell etc. determinierte, jedoch unabgeschlossene Interpretation von Zeichen.

    peirce.jpg (3890 Byte)Diesen endlosen, unabschließbaren Prozeß nannte der amerikanische Logiker Charles S. Peirce (1839 - 1914) im Anschluß an eine alte Tradition die Semiosis - "an action, an influence, which is, or involves, a cooperation of three subjects, such as sign, its object, and its interpretant, this three relative influence not being in any way resolvable into actions between pairs". 

    Das Konzept der Semiosis bricht bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit dem Paradigma der Kommunikation als einer 'Übertragung', das zentral für die nachrichtentechnische Kommunikationstheorie im zwanzigsten Jahrhundert werden sollte. Im Zentrum steht der Begriff des Zeichens, das nicht nur im Bezug auf sein Objekt (das Bezeichnete) steht, sondern auch durch die jeweilige Interpretation dieser Beziehung definiert ist (Interpretant).

    Im Kommunikationsprozeß kann alles erneut zum Zeichen werden, und durch neue Zeichen verändert der Mensch seine Wirklichkeit bzw. wirkt auf die Welt ein. Diese Auffassung führt zu einer pragmatistischen Wahrheitstheorie, da die Beziehung Zeichen-Bezeichnetes je nach Kontext changiert. Wenn alles zum Zeichen werden kann, dann gilt das auch für bestehende Interpretationen. Sätze der klassischen Philosophie lesen wir z.B. nicht mehr als Propositionen, sondern mit dem Wissen der historischen Distanz, als Zeichen ihrer Zeit - also nicht als Aussagen über eine objektive, sondern über eine subjektive Wirklichkeit.

    Es gibt nun verschiedene Zeichen, die je nachdem mehr oder weniger mit den Dingen verbunden sind, für die sie stehen, und nach bestimmten Codes verknüpft werden. Aus den verschiedensten Codes setzen sich unsere kulturellen Zeichensysteme oder "Sprachen" zusammen (Sprache der Mode, Sprache der Architektur, der Kunst, etc.) die ihrerseits ein System bilden (die Kultur). Unsere Verbalsprache ist damit kein universaler Code! Die mögliche Vielzahl von "Codes" und "Sprachen" evoziert eine virtuelle Unendlichkeit der Interpretation diese stößt an keine wirkliche, wohl aber an eine pragmatisch gezogene Grenze.
     

      "Eine Sprache im vollen semiotischen Sinn ist ist jede intersubjektive Menge von Zeichenträgern, deren Gebrauch durch syntaktische, semantische und pragmatische Regeln festgelegt ist." (Charles W.Morris).
    Denken als Kommunikationsprozeß: das triadische Modell der Zeichenbeziehung
    Charles S.Peirce setzt im Anschluß an Kant und Hegel, deren Epistemologie er vereinen wollte, Fragen der Erkenntnistheorie in den kommunikativen Kontext der jeweiligen Interpretationsgemeinschaft - Erkenntnis beginnt mit der Zeicheninterpretation und die Kategorien der Erkenntnis gehen in einer mehr oder weniger komplexen Zeichentypologie auf. "Zeichen" steht letztlich für die Art und Weise, wie ein Bewußtseinsgegenstand dem Bewußtsein gegeben ist (obwohl in der Kommunikation das Bewußtsein nicht entscheidend ist, den die Kommunikationsprozesse beziehen sich keineswegs ausschließlich auf einen "bewußten" Interpretanten.)

    Es gibt dementsprechend drei Ebenen der Zeichendimension: die syntaktische (als Relation diverser Zeichen untereinander, wie sie die Sprachlogiker untersuchen), die semantische (als Relation zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten, der sich die Bedeutungsanalyse widmet) und die pragmatische (als Relation zwischen dem Zeichen und dem Zeichenbenutzer, wie sie die Sprechakttheorie untersucht). Die Semiosis ist auf keinen dieser drei Aspekte allein reduzierbar. Entsprechend kann am Zeichen selbst folgendes unterschieden werden:
     

    • die Ikonizität oder die phänomenale Ebene (hohe Gegenstandsähnlichkeit des Zeichens)
    • die Indexikalität oder die Verweisungsebene (codierter Gegenstandsbezug)
    • die Symbolizität oder die Interpretationsebene (abstrakter Gegenstandsbezug).
    Peirce revolutionierte Ende des neunzehnten Jahrhunderts die wissenschaftliche  Forschungslogik durch eine verblüffend pragmatische Lösung: an die Stelle einer erkenntnistheoretischen Gewißheit tritt die Vermittlung durch die Kommunikationsgemeinschaft. Gesellschaftliche Praxis und Konvention als Bedingungen aller Kommunikation werden in ihr Recht gesetzt; K.O. Apel spricht auch von einer Grundlegung der Geisteswissenschaft als Verständigungswissenschaft bei Peirce.

    Peirce-Texte Online:

    On a New List of Categories (1868)

    aus dem Popular Science Monthly

    The Fixation of Belief (1877)

    How to make our Ideas Clear (1878)

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