Hartmann / Philosophische Grundlagen 1.8.

    Sprachtranszendentalismus: Wittgenstein


    "Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns 
    und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. " 
    (Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen)



    Daß die metaphysischen Probleme womöglich der Sprache zu verdanken sind, ist der Grundgedanke bei Gottlob Frege und bei Fritz Mauthner. Die Auseinandersetzung mit diesem Gedanken zieht sich durch das Philosophieren bei Ludwig Wittgenstein, der nicht nur viele Probleme seiner Zeit auf den Punkt gebracht hat, sondern sie mit einer seltsam exzentrischen Integrität auch gelebt hat (viele Darstellungen setzen am Biographischen an). Da er weder groß publiziert noch richtig zitiert hat, wird er manchmal als das einsame Genie der Sprachphilosophie gefeiert. Dem widerspricht schon die Tatsache, daß Wittgenstein es für nötig hielt, sich von Mauthner abzugrenzen: Sprachkritik bedeutet hier nicht Dekonstruktion der Philosophie, sondern ihre Rettung durch logische Klärung der Gedanken. Was Wittgenstein interessant macht, ist die immanente Kritik dieser Forderung im Sinne der "Lebensprobleme", welche die Philosophie nicht löst.

    wittgen.jpg (4419 Byte)Wittgenstein will in seiner frühen Phase eine strenge Wissenschaft entwerfen, die von all jenen Aussagen gereinigt ist, die nicht tatsachenabbildend sind. Dabei geht es aber nicht um die Erklärung von Phänomenen, sondern um die Klärung des Sinns von Sätzen. Der Umgangssprache wird dabei das absolute Mißtrauen ausgesprochen. Sie täusche wie die „äußere Form des Kleides, die nach ganz anderen Zwecken gebildet ist als danach, die Form des Körpers erkennen zu lassen." (Philosophische Bemerkungen).
     

    Im Tractatus logico-philosophicus (Wien ca. 1918, publiziert 1921) ist die Grundfrage die, ob und wie es in der Welt eine apriorische Ordnung gibt. Daher reflektiert Wittgenstein die Fundamente der Logik: es geht um Tatsachen, nicht um Dinge. Tatsachen haben die Form von Propositionen - aber auch wenn diese richtig sind, geben sie uns keine Gewißheit über das Empirische, die Sprache kann uns täuschen. Statt um die Grenze des 'Erkennenbaren' geht es um die Möglichkeit des 'Beschreibbaren' mit den Mitteln einer logisch perfektionierten Sprache. Was über die sprachliche Darstellung hinausgeht, z.B. ethische Fragen, ist mystisch ("Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen" - Tractatus).

    Sehr viel später folgen Philosophische Untersuchungen (Cambridge ca. 1945, publiziert posthum 1953). Philosophie ist definitiv ein Ausdruck grammatischer Täuschungen, philosophische Reflexion mündet in die Beschreibung faktischen Sprachgebrauchs (> Ordinary Language Philosophy). Aus dem Denken, jedes Wort habe seine Bedeutung, da es für ein Objekt stehe, führte Philosophie in die Irre: "Ein Bild hielt uns gefangen". Nun soll die Sehweise geändert werden; Verstehen heißt andere Verbindungen sehen.

    Sprache ist intentional und nicht rein tatsachenabbildend. Formalisierte Sprachen wie eine ideale, tatsachenabbildende Wissenschaftssprache bleiben letztlich auf die Umgangssprache als ihre Metasprache angewiesen. Man kann nicht nur „rein beschreiben", ohne zu erklären. In der umgangssprachlichen Kommunikation folgen wir intersubjektiven Regeln, bzw. einer historisch eingeübten Sprachtradition, die nicht im exakten Sinn genau ist, aber ungeheuer eindeutig für einen bestimmten Kontext sein kann. Daraus folgt die Sprachspieltheorie: Sprache beruht auf der ihr zugrunde liegenden Lebensform. Die Geltung von Aussagen bedeutet ihr Funktionieren im kulturellen Rahmen (sie sind nie "richtig" oder "falsch"). Es geht nicht nur um einzelne Propositionen, sondern um das System (die jeweilige Ordnung) aller Propositionen.
    Erst der jeweilige Sprachgebrauch erschließt die Bedeutung, also ist diese kontextabhängig und hat keinen Absolutheitsanspruch (Sprache muß sich 'bewähren'). Der Gebrauch sprachlicher Ausdrücke kann ganz verschieden sein.

    Heißt das nun, daß verschiedenes Sprechen auch verschiedenes Denken bedeutet? Daß ohne Denken kein Sprechen möglich ist? Neuere Forschungen verstehen die Entwicklung von Sprache und Denken als einen koevolutionären Prozeß, der durchaus im Sinn von Herder Wurzeln in einem 'Instinkt' hat und nicht ganz Konvention ist. Dies aber hatte die These vom Sprachdeterminismus des Denkens (die sogenannte Sapir-Whorf-These) behauptet, deren Dogma vom Beziehungsdreieck Sprache-Denken-Wirklichkeit wissenschaftstheoretisch inzwischen überholt ist (vgl. Pinker 1994)

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    Referenzen:
    Ray Monk: Wittgenstein. Das Handwerk des Genies, Stuttgart 1992
    Joachim Schulte: Wittgenstein. Eine Einführung, Stuttgart 1989 (Reclam)
    Wilhelm Vossenkuhl: Ludwig Wittgenstein, München 1995 (Beck'sche Reihe)